Schachtanlage Alexandershall II (Abteroda)


Die ehemalige Werksanlage Abteroda gehörte als Schacht Alexandershall II zum Werk Alexandershall. Der Schacht Abteroda war der vorgeschriebene zweite Ausgang aus dem Grubenbetrieb. Die Verbindung mit dem Werk Alexandershall war über eine werkseigene Bahn gewährleistet. Der dazu gehörige Bahndamm ist auch heute noch  im Landschaftsbild erkennbar. Die Schachtanlage Abteroda diente der deutschen Wehrmacht zur Munitionsproduktion. Zudem wurden unter Tage auf Betreiben der Luftwaffe Flugzeugmotoren für das BMW-Werk in Eisenach gefertigt (Projekt „Bär“), Für die Belegschaft, größtenteils Zwangsarbeiter, hatte man in der Nähe der Werksanlage Baracken errichtet. Für die Munitionsfertigung wurden neben der Schachtanlage massive Betonbauten errichtet, die gut getarnt im Wald lagen.

Der Schacht dient heute noch als Wetterschacht für das Werk Werra der K+S Minerals and Agriculture GmbH. Die Werksanlage war bis 2006 vollständig erhalten, wurde dann jedoch abgebrochen und befindet sich heute in Privatbesitz.

Ort der Zwangsarbeit

Am Ortsrand von Abteroda befand sich von Juli 1944 bis April 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Offiziell lief es unter dem Tarnnamen „Anton“. Zweck war die Bereitstellung von Zwangsarbeitern für die Bayerischen Motorenwerke (BMW), die im letzten Kriegsjahr dringend Arbeitskräfte für die Produktion von Flugzeugmotoren benötigten. Das Unternehmen zahlte der SS für jeden Gefangenen eine Tagespauschale: 6 Reichsmark für Facharbeiter, 4 Reichsmark für Ungelernte.

Das erste Lager entstand im Juli 1944. Am 31. Juli 1944 traf ein Transport mit 79 männlichen Häftlingen aus dem Eisenacher Außenlager ein, weitere Transporte folgten aus Buchenwald. Im Durchschnitt waren hier etwa 230 Männer untergebracht. Ihre Nationalitäten waren gemischt: Franzosen, Russen, Deutsche, Italiener und Polen. Untergebracht wurden sie in zwei Munitionshallen, die mit einem 2 Meter hohen Zaun und vier Wachtürmen gesichert waren.

Die Gefangenen arbeiteten in der unterirdischen Verlagerung von Rüstungsproduktion ebenso wie in oberirdischen Werkhallen, wo Teile für Flugzeugmotoren gefertigt wurden. Die Bedingungen waren lebensgefährlich: lange Arbeitszeiten, unzureichende Ernährung und keine medizinische Versorgung. Wer krank oder entkräftet war, wurde nach Buchenwald zurücktransportiert und durch „arbeitsfähige“ Häftlinge ersetzt. Eine Liste vom Januar 1945 nennt 230 Häftlinge und 52 Wachleute. Am 4. April und am 8. April 1945 löste die SS das Männerlager auf – kurz vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen.

Im Oktober 1944 richtete die SS in Abteroda zusätzlich ein zweites Lager ein, diesmal für Frauen. Viele von ihnen stammten aus dem KZ Ravensbrück oder aus Außenlagern wie Torgau. Besonders seit dem 19. Februar 1945, als 125 Frauen aus Ravensbrück nach Abteroda transportiert wurden, wuchs die Zahl der Gefangenen stark an. Im Durchschnitt waren 200 bis 250 Frauen interniert.

Die Frauen mussten für BMW Chemikalien für Sprengstoffe herstellen. Krankheiten wie Tuberkulose und Ruhr waren weit verbreitet. Im Januar 1945 listete der SS-Lagerarzt 249 Häftlinge, 13 SS-Männer und 9 weibliche Aufseherinnen. Mit dem Vorrücken der Front im Frühjahr 1945 endete das Kapitel KZ-Außenlager Abteroda. Die Gefangenen wurden auf Evakuierungsmärsche geschickt oder zurück nach Buchenwald gebracht. Nach dem Krieg gab es nur wenige Ermittlungen: 1966–1967 führte die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg eine Voruntersuchung gegen SS-Personal, die jedoch ergebnislos eingestellt wurde.

Heute erinnert ein Mahnmal vor Ort an die Schrecken der Kriegsjahre. Einzelne Gebäude des ehemaligen KZ-Außenlagers wurden umfunktioniert und dienen bis heute als landwirtschaftliche Bauten. Zwei Betonpfosten des Lagertors nahe am Ortsrand von Abteroda ist ebenfalls erhalten geblieben.

Heeresmunitionsanstalt Abteroda

Die Geschichte von Abteroda als Ort nationalsozialistischer Rüstungswirtschaft begann lange bevor dort ein Außenlager des KZ Buchenwald entstand. Schon in den 1930er-Jahren wurden die Kalischächte Abteroda und Alexandershall für militärische Zwecke interessant. Am 6. Februar 1937 prüfte das Reichswirtschaftsministerium gemeinsam mit dem Thüringer Wirtschaftsministerium, ob die stillgelegten Schachtanlagen zur Lagerung von Sprengstoffen und Munition geeignet wären. Wenige Monate später, am 16. März 1937, inspizierten Vertreter des Oberkommandos des Heeres, der Heeresfeldzeugmeisterei und der Wintershall AG die Anlagen.

Im April 1938 kam es zu einer vertraglichen Regelung: Wintershall stellte die Schachtanlagen für 20 Jahre dem Reich zur Verfügung. Daraufhin begann ein umfangreicher Ausbau, finanziert vom Reich. Bis Januar 1940 investierte das Heeresoberkommando über 15 Millionen Reichsmark, um die unterirdischen Hohlräume zu erweitern und als Munitionslager und Arbeitsstätten nutzbar zu machen.

Die Munitionsanstalt richtete ab 1939 in Abteroda großflächige Produktions- und Lagerräume ein. Hier wurden Granaten verschiedener Kaliber hergestellt, Munition gelagert und Zünder gefertigt. Neben Kartusch- und Treibladungsfertigung entstanden Werkstätten, Lagerräume und Handmunitionseinrichtungen. Frauen aus der Umgebung fanden hier Beschäftigung, viele in der mühsamen Arbeit mit Kartuschbeuteln. Im Winter 1941/42 waren in der Muna bereits über 15.000 Geschosse eingelagert. Die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten waren hart. Auch einheimische Frauen arbeiteten in Schichten beim Füllen und Verpacken von Munition, oft ohne ausreichende Schutzmaßnahmen. Noch belastender war die Situation für die ausländischen Zwangsarbeiter. Ab 1941 wurden zunächst mehrere hundert, später bis zu 1.000 ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter eingesetzt – darunter vor allem Franzosen, Niederländer, Belgier und zunehmend auch sowjetische Kriegsgefangene. Bis 1943 wurden etwa 600–700 Personen in den Schächten registriert, viele von ihnen lebten in Barackenlagern bei Dippach und Berka.

Besonders schwer war die Situation der sowjetischen Kriegsgefangenen. Schon ab 1942 waren über 200 Gefangene dauerhaft in Abteroda eingesetzt, viele in gefährlichen Abteilungen wie der Pulverfertigung oder beim Transport schwerer Granaten. Sie litten unter Mangelernährung, Krankheiten und Misshandlungen. Zahlreiche Todesfälle sind belegt.

Mit dem Kriegsverlauf gewann die Nähe zur BMW-Flugmotorenproduktion in Eisenach an Bedeutung. Ab 1943/44 plante das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition unter Albert Speer, die Schächte zunehmend für die Fertigung von Flugmotorenteilen zu nutzen. Im Sommer 1944 wurde beschlossen, dass die Heeresmunitionsanstalt Abteroda geräumt wird und stattdessen BMW seine Produktion hierher verlagerte. Um Platz zu schaffen, wurden oberirdische Gebäude umfunktioniert und neue unterirdische Räume erschlossen. Ende Juni 1944 fiel die Entscheidung, die Grubenräume in Abteroda als eigenständigen Standort für die BMW-Produktion zu nutzen.

Die Organisation Todt (OT) übernahm den Ausbau. Ab Juli 1944 waren die ersten unterirdischen Munitionsarbeitsräume betriebsbereit, später folgten weitere Hallen, die mit Betonfußböden und elektrischer Beleuchtung ausgestattet wurden. Bis Dezember 1944 waren sämtliche Räume ausgelastet. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten in Abteroda bereits rund 1.200 Personen – eine Mischung aus deutschen Facharbeitern, Zivilarbeitern, ausländischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen.

Diese Phase der Muna prägte den Ort Abteroda tief: Aus einem Kaliwerk wurde ein Knotenpunkt der deutschen Kriegswirtschaft. Schon bevor KZ-Häftlinge im Spätsommer 1944 eintrafen, war Abteroda ein Ort gefährlicher, ausbeuterischer Arbeit. Frauen aus der Umgebung, ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene litten in den Schächten unter den Bedingungen der NS-Rüstungswirtschaft – ein Vorbote dessen, was mit der Errichtung des KZ-Außenlagers noch folgen sollte.

> Sonderausstellung NS-Zwangsarbeit

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Werra-Kalibergbau-Museum


Das Werra-Kalibergbau-Museum in Heringen (Werra) dokumentiert die Geschichte und Gegenwart des seit 100 Jahren wichtigsten deutschen Kaliabbaugebiets auf beiden Seiten der hessisch-thüringischen Landesgrenze an der mittleren Werra. Der Ende des 19. Jahrhunderts beginnende Kalibergbau prägt die Region maßgeblich bis auf den heutigen Tag und ist nach wie vor der mit weitem Abstand größte Arbeitgeber.